Irgendwie anders ? Hochbegabung und erhöhte Sensitivität

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Vielleicht musstest du dir auch schon mal so etwas anhören, wie „Mensch, die ist aber empfindlich“, oder „Der stellt sich immer so an“, wenn es um die Reaktion deines Kindes in bestimmten Situationen ging, z.B., wenn ihr an einem Ort gewesen seid, an dem es besonders laut war, oder besonders eng, weil viele Menschen auf engem Raum zusammen waren, oder aber es herrschte ein starker Geruch, den dein Kind meinte unter keinen Umständen länger ertragen zu können. Auch kann dir aufgefallen sein, dass dein Kind schneller Schwingungen und Stimmungen wahr nimmt als andere, merkt, wenn ihm jemand nicht wohl gesonnen ist oder beginnt bei tragender Musik in der Kirche zu weinen. Auch der Umgang mit Veränderungen fällt vielen hochbegabten Kindern schwer und sie bleiben gerne bei den gewohnten Abläufen.

Viele hochbegabte Kinder neigen zu einer erhöhten Sensitivität, das bedeutet, dass ihre Wahrnehmungen und Empfindungen weit über das übliche Maß hinausgehen¹.

Eine erhöhte Sensitivität bedeutet nichts anderes, als dass das hochbegabte Kind Reize einfach viel stärker wahr nimmt und/ oder stärker darauf reagiert.

Der polnische Psychiater und Psychologe Kazimierz Dabrowki beschreibt eine Art Konzept dieses hohen Empfindungsvermögens und nimmt an, dass “ die betroffenen Menschen erblich bedingt eine erhöhte Erregbarkreit des zentralen Nervensystems“ besitzen „und deshalb empfindsamer reagieren.“²

Ganz interessant finde ich dabei seine Unterteilung der erhöhten Sensitivität in 5 Bereiche. Ihre Kennzeichen und die daraus möglichen resultierenden Probleme, möchte ich hier einmal kurz zusammen fassen, wobei ich speziell die Aspekte nenne, die ich bei der Beschäftigung mit Hochbegabung im Kindesalter als wissenswert und adäquat erachte.³

1. Erhöhte, intellektuelle Sensitivität : Eine erhöhte, intellektuelle Sensitivität zeichnet sich aus durch Wissensdurst, Neugierde, eine scharfe Beobachtungsgabe und die Fähigkeit zu überdauernder Konzentration, sowie abstraktes und komplexes Denken, logisches und kritisches Argumentieren (Alltag mit einem hochbegabten Kind, meiner Erfahrung nach:)), Genauigkeit und Detailliertheit, ausgeprägtes Reflexionsvermögen und hohe ethisch moralische Vorstellungen. Daraus können emotionale Spannungen, wie sprunghaftes Denken, die Neigung, sich zu verzetteln sowie Schwierigkeiten bei Routineaufgaben resultieren. An dieser Stelle wird sicherlich der ein oder andere sein hochbegabtes Kind erkennen, dass sich zuhause hochkonzentriert mit einer Sache beschäftigen kann, über ein Thema alles herausfinden muss und sich in der Schule bei den einfachsten Aufgaben verzettelt. Oder aber du denkst an dein Kind, dass bereits im Kindergarten Ungerechtigkeit nicht ertragen kann und nicht versteht, dass nicht alle Menschen nach seinen moralischen Vorstellungen handeln.

2. Erhöhte imaginäre Sensitivität: Die erhöhte imaginäre Sensitivität zeichnet sich nach Dabrowski durch Einfallsreichtum und Fantasie, eine Vorliebe für Poesie, Märchen und Geschichten, die Fähigkeit zur facettenreichen Visualisation sowie einen häufigen Gebrauch von Metaphern im sprachlichen Ausdruck aus. Die daraus resultierenden möglichen emotionalen Spannungen sind vermehrte Albträume und eine Vermischung von Einbildung und Realität .

3. Erhöhte emotionale Sensitivität: Zu den Kennzeichen einer erhöhten emotionalen Sensitivität zählt Dabrowski eine erweiterte Gefühlswelt, eine intensive Bindung an Personen, Tiere und Objekte, Schwierigkeiten mit Veränderungen, ebenso wie differenzierte Gefühle gegenüber dem eigenen Selbst. Emotionale Spannung drückt sich in diesem Zusammenhang aus durch Gefühlsausbrüche, Stimmungsschwankungen, psychosomatische Beschwerden, Schlafstörungen, innere Anspannung und auch mangelndes Selbstverstrauen.

4. Erhöhte sensorische Sensitivität: Kinder deren sensorische Sensitivität erhöht ist, haben ein großes Interesse an Natur, Kunst und Musik und einen Sinn für Ästhetik. Durch ihre sensorische Sensitivität sind sie häufig Lärm- und Lichtempfindlich ( nicht zu vergessen, geruchsempfindlich) und leiden häufig an Allergien.

5. Erhöhte psychomotorische Sensitivität: Eine erhöhte psychomotorische Sensitivität geht nach Dabrowksi einher mit intensiver körperlicher Aktivität, hoher Handlungsorientierung, Wetteifer und schnellem Sprechen. Aus diesen können Rastlosigkeit, Impulsivität und Aufregung resultieren. In diesem Zusammenhang möchte ich auch nochmal auf meinen Beitrag zum Thema „Schlafverhalten bei Hochbegabung“ hinweisen, den du hier lesen kannst.

 

Das Wissen um diese erhöhte Sensitivität erscheint mir im Umgang mit hochbegabten Kindern extrem wichtig. Sie merken selbst sehr schnell, dass sie irgendwie anders sind als die anderen und haben, ganz einfach gesagt, sehr „gute Antennen“. Wichtig ist, dass wir unseren Kindern zeigen, dass wir sie so akzeptieren wie sie sind. Wir können sie nicht „härter“ machen, auch wenn unsere Umwelt uns oft das Gefühl gibt, das sein unsere Aufgabe. Vielmehr aber ist es unsere Aufgabe aufmerksam zu sein, hinzuschauen, unsere Kinder zu stärken und ihnen beizubringen, mit ihrem Anderssein, wenn man es denn so nennen mag, umzugehen, sei es in Bezug auf ihre Hochbegabung oder auf ihre gesteigerte Sensibilität. Nur ein Kind, dass sich angenommen fühlt so, wie es ist, kann sich bestmöglich entfalten und lernen, jede vermeintliche Schwäche als Stärke zu nutzen.

 

Wie ist das bei euch, wie sind eure Erfahrungen? Habt ihr euer Kind an einer Stelle wieder erkannt oder ist es ganz anders?

Ich freue mich auf eure Meinungen und Tipps!

 

 

 

 

 

 

¹gefunden in James T. Webb: Hochbegabte Kinder. Das große Handbuch für Eltern,

²entnommen aus http://www.oezbf.at/cms/tl_files/Publikationen/Beitraege_aus_der_Wissenschaft/2012/ns_30-Irgendwie_anders.pdf

³ in Anlehnung an die OEs nach Dabrowski, in Flechowski, 2010, Brakam & Schneider-Maessen, 2010

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